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Ford Arbeiter kämpfen weiter…

Die Ford-Kollegen in Gölcük und Yeniköy führen ihren selbstständigen Kampf weiter. Bei den Streikenden entwickelt sich unübersehbar ein anderes Selbstbewusstsein, auch gegenüber der Gewerkschaftsbürokratie.

 

Bei Ford Gölcük und Yeniköy (beide in der Provinz Kocaeli) geht der selbstständige Kampf der Kollegen am 5. Tag (dem 23. Mai 2015) weiter. Ein großer Teil der wenigen, die noch gearbeitet hatten, hat sich gestern (am 22. Mai) nach der Frühschicht dem Streik angeschlossen.

FORD SOLL MIT DEN LÜGEN AUFHÖREN!“

Am 21. Mai erklärte die Geschäftsleitung von Ford-Otosan, dass die normale Produktion nach eine kurzen Unterbrechung wieder aufgenommen worden sei. Als diese Nachricht unter den Streikenden bekannt wurde, war die Empörung groß. Ein Kollege erklärte gegenüber Evrensel, „An normalen Tagen können wir bis zu 1000 Einheiten produzieren. Wir wissen von unseren Kollegen, dass unter sehr großen Anstrengungen und mit Hilfe der Weißkragen lediglich 20 bis 30 Einheiten produziert worden sind – ist das die normale Produktion?! Sie sollen aufhören, Lügen zu verbreiten. Mit solchen Meldungen wollen sie Druck auf die Streikenden ausüben – so nach dem Motto „Es geht auch ohne Euch“. Wir lassen uns nicht einschüchtern!“

DIE FAMILIEN KÄMPFEN MIT

Die Familien der Ford-Kollegen beteiligen sich am Kampf. Die Familien halten praktisch den LKW-Parkplatz vor dem Werksgelände besetzt. Auch das trägt zur Einheit der Kollegen bei. „Hier tauschen wir uns über alles aus. Niemand muss alleine eine Entscheidung treffen. So können wir den Druck abbauen, so zeigen wir unseren Männern, dass wir gemeinsam mit ihnen an einem Strang ziehen und zu allem bereit sind“, so eine Familienangehörige zu Evrensel.

Auch für die Kinder der Ford-Arbeiter ist es etwas Neues. Zum einen sehen die Kinder ihre Väter zum ersten Mal so lange an einem Stück, und zum anderen wird für sie nachvollziehbar, was es bedeutet, dass der Papa nicht mehr arbeitet, sondern streikt!

AUCH WIR KÖNNEN ES SCHAFFEN!

Nachdem die Geschäftsleitungen von Tofaş und von Mako mit den Kollegen verhandelt und ihre Forderungen zum Teil erfüllt hat, ist die Stimmung unter den Ford-Kollegen deutlich besser geworden. Auch die letzten Zweifler sagen jetzt: „Was unsere Kollegen bei Tofaş und Mako geschafft haben, das können wir auch.“

Die Kollegen bei Tofaş und Mako haben erreicht, dass kein Arbeiter wegen des Kampfs entlassen wird und dass Türk-Metal von den Geschäftsleitungen nicht mehr als Verhandlungspartner anerkannt wird. Sie sollen auf jeden Fall zwei Einmalzahlungen (eine sofort und eine weitere bis zum Jahresende) als Sonderzahlungen bekommen. Über vergleichbare Lohnerhöhung wie bei Bosch, die sich auf die Stundenlöhne auswirken würden, soll erst verhandelt werden, wenn die Arbeit wieder aufgenommen wird.

Das Wichtigste ist aber, dass die Kollegen bei Tofaş und Mako beschlossen haben, auf die Kollegen von Renault zu warten. Erst wenn auch ihnen ein annehmbares Angebot unterbreitet worden ist, werden sie darüber abstimmen und den nächsten Schritt machen.

TÜRK-METAL MUSS GEHEN!

Eine der übergreifenden Forderungen der Metallarbeiter ist es, dass die nationalistische und arbeitgeberfreundliche Gewerkschaft Türk-Metal ihre Posten als Vertreter der Belegschaft aufgibt und die Fabrikgelände verlässt.

Die Kollegen wollen nicht mehr von Türk-Metal bevormundet werden. Sie wollen ihre Gewerkschaftvertreter selbst wählen und wenn nötig auch sofort wieder abwählen können.

Hunderte Ford-Kollegen haben gestern (am 22. Mai) gemeinsam ihre Austrittserklärungen aus Türk-Metal per Einschreiben an die Gewerkschaftszentrale geschickt.

UND WIE SOLL ES WEITERGEHEN…?

Natürlich wird unter den Kollegen auch darüber diskutiert, wie es mit der gewerkschaftlichen Organisierung weitergehen soll. Denn ohne Gewerkschaft sind sie schwächer, das wissen die Kollegen aus Erfahrung. Aber mit den Gewerkschaften, die im Moment die Branche organisieren, haben sie immer wieder schlechte Erfahrungen gemacht. Egal ob Türk-Metal, Çelik-İş oder Birleşik-Metal-İş, in allen drei Gewerkschaften herrschen starke bürokratische Kräfte. Viele denken, Birleşik-Metal-İş sei ein wenig progressiver, und im Moment verspricht sie den Kollegen alles Mögliche, was sich ändern werde, falls sie sich entscheiden, der Gewerkschaft beizutreten.

Aber es gibt auch viele negative Erfahrungen mit der Birleşik-Metal-İş. Als im Jahr 1998 mehrere tausend Kollegen bei Renault und Tofaş in Bursa die Türk-Metal verließen und Mitglied bei Birleşik-Metal-İş werden wollten, zögerte deren Gewerkschaftzentrale. Denn fast achttausend kämpferische Kollegen in die Gewerkschaft aufzunehmen, stellte auch für sie ein Risiko dar. Diese hätten die Verwaltungsstelle Bursa beherrscht und ein Mitspracherecht bei vielen wichtigen Fragen gehabt. Plötzlich waren die Kollegen auf sich gestellt, worauf sie so nicht vorbereitet waren. Diesen Kampf hatten sie daher verloren.

Heute verspricht die Birleşik-Metal-İş den Kollegen bei Renault und bei Tofaş, sie würden ihre eigenen Betriebsverwaltungsstellen bekommen, wenn sie der Gewerkschaft beitreten. Also jeder schön für sich… Aber gerade das wollen die Kollegen nicht. Sie wollen mehr Kontakt zu anderen Betrieben, Tarifrunden wollen sie gemeinsam vorbereiten usw.

Auch vor kurzem, als die Regierung den Streik der Metallarbeiter verboten hatte, gab die Gewerkschaft im Grunde klein bei. Auch deshalb findet unter den Kollegen eine breite Diskussion darüber statt, wie Gewerkschaften eigentlich sein sollten. Auch über die Neugründung einer Gewerkschaft wird nachgedacht. Sie denken an eine Art Neubeginn, mit einer von den Arbeitern erstellten Satzung, die den Gewerkschaftfunktionären kein höheres Gehalt als das von normalen Arbeitern einräumt.

Die Kollegen bei Ford, Tofaş, Renault und anderswo haben in den letzten Jahren, insbesondere in den letzten Monaten, sehr viel an Erfahrung gewonnen. Als die Stunde der Entscheidung gekommen war, haben sie gesehen, wer bei ihnen war und wer nicht.

Auch die sog. „Revolutionären Kräfte“, die erst bei einem Kampf auftauchen und nach dem Kampf wieder wie vom Erdboden verschluckt sind, kennen sie nur zu gut – Leute, die im „Namen der Arbeiterklasse“ agieren und sowieso alles besser wissen. Sie wollen aber nicht mehr, dass irgendwelche Leute in ihrem Namen und für sie handeln, sondern sie wollen selbst in ihrem eigenen Namen handeln.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie weit die Kollegen mit ihren Diskussionen sind, ob sie den nächsten Schritt wagen und ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen werden. Den ersten gewaltigen Schritt in dieser Richtung haben sie auf jeden Fall bereits getan, das ist nicht zu übersehen.

 Serdar Derventli

Siegen können wir nur gemeinsam!

Seit drei Tagen streiken die Kollegen bei Türk-Traktör, einer Firma die wie Ford-Otosan zur Koç Holding gehört. Auch diese Kollegen sagen, dass sie solange kämpfen werden, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Dabei ist den Kollegen völlig klar, dass sie es alleine nicht schaffen werden, wenn die Kämpfe in Bursa zu Ende gehen sollten.

Denn der kämpferische Teil der Belegschaft ist hier viel kleiner als bei Tofaş, Renault oder bei Ford. Erst als die Streiks in Bursa und Kocaeli bereits drei Tage angedauert hatten, entschlossen sie sich, den Kampf aufzunehmen.

VERHANDLUNGEN UND DROHUNGEN LAUFEN PARALLEL

Die Kollegen fordern wie in den übrigen Fabriken als erstes, dass niemand wegen des Streiks entlassen wird, dass nicht mehr Türk-Metal, sondern die selbstgewählten Vertreter der Arbeiter von der Geschäftsleitung als Verhandlungspartner anerkannt werden, sowie Lohnerhöhungen wie bei Bosch und die Wiedereinführung des arbeitsfreien Samstags.

Der Vorstandvorsitzende Marco Votta erklärte den Kollegen, Lohnerhöhungen wie bei Bosch seien für den Betrieb nicht zu verkraften und ohnehin könne er ihren Streik mindestens zwei Monate lang aussitzen.

SKLAVENÄHNLICHE ARBEITSBEDINGUNGEN

Den Kollegen bei Türk-Traktör geht es auch um bessere Arbeitsbedingungen. So erzählte ein Kollege dem Korrespondenten der Tageszeitung Evrensel: „Wir arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen. Sollte sich an diesen Bedingungen tatsächlich etwas ändern, würden viele hier die Arbeit wiederaufnehmen. Die Vertreter von Türk-Metal haben die Kollegen mächtig unter Druck gesetzt. Diesem Druck haben die Kollegen nur widerstanden, weil es ihnen auch um bessere Arbeitsbedingungen geht.“

Ein weiterer Kollege wird mit diesen Worten zitiert: „Wenn du 3 bis 4 Jahre hier gearbeitet hast, bekommst du mit Sicherheit einen Bandscheibenvorfall. Mit dem Tarifvertrag von 2011 wurde auch das Krankengeld abgeschafft. Die Kollegen, die jetzt krankgeschrieben werden, gehen leer aus! Erst wenn ein Unfall passiert, werden Schutzvorkehrungen getroffen, vorher nicht!“

Als Beispiel für das unmenschliche Vorgehen von Türk-Traktör erzählt ein Kollege, was ihm selbst passiert ist: „Als ich einen Asthmakrampf hatte, brachte man mich auf die Krankenstation, gab mir krampflösende Mittel und schickte mich wieder an die Arbeit.“

AUSUFERNDE ÜBERSTUNDEN

Ausufernde Überstunden sind im Betrieb an der Tagesordnung. Laut Angaben auf der Webseite von Türk-Traktör arbeiten die Weißkragen (Büroangestellte) an 5 Tagen in der Woche 45 Stunden. Zu den Blaukragen (Produktionsarbeiter) heißt es hingegen lediglich, dass sie in der Regel 6 Tage in der Woche in zwei Schichten arbeiten. Zu ihnen findet sich keine Angabe über die genaue Arbeitszeit.

Die Kollegen berichteten dem Evrensel-Korrespondenten, dass die Spätschicht eigentlich eine Spät-Nachtschicht ist. So müssten viele Kollegen in ihrer Schicht nicht von 15.00 bis 23.00 Uhr, sondern von 15.00 Uhr bis 06.00 Uhr am nächsten Morgen arbeiten. „Mit 4-5 Stunden Schlaf kommst du nicht lange aus. Irgendwann passiert etwas.“

Auf die Frage, ob denn die Gewerkschaft nichts dagegen unternimmt, antworten sie: „Nein, aber jetzt unternehmen wir etwas gegen die Geschäftsleitung und gegen die Gewerkschaftsleitung. Die stecken unter eine Decke.“ Auch bei Türk-Traktör sind viele aus der Türk-Metal ausgetreten. Sie verfolgen nicht nur den Kampf in Bursa, sondern auch die Diskussionen um eine neue gewerkschaftliche Orientierung. Denn auch sie wissen aus Erfahrung, dass sie nur gemeinsam siegen können.

INFO: KOÇ-HOLDING 

Die Koç-Holding ist eine börsennotierte türkische Unternehmensgruppe. Sie ist ein Mischkonzern, der von der Familie Koç beherrscht wird. Mit über 68 Milliarden Lira Umsatz (über 30% Exportanteil) ist sie die größte Unternehmensgruppe der Türkei. Sie beschäftigt weltweit 85.000 Menschen in verschiedenen Branchen. In der Türkei ist die Holding insbesondere aktiv in der Energie-, Automobil-, Haushaltgeräte/Informationstechnikindustrie und in der Finanzbranche. Daneben ist die Holding auch in der Petro-Chemie, der Wehrindustrie, bei Werften, Versicherungen, im Tourismus, bei Nahrungsmitteln und im Bausektor stark vertreten.

Autofabriken wie Ford-Otosan und Tofas sind Jointventures mit Ford und Fiat. Bei Tofas wird auch für Peugeot produziert. Türk-Traktör ist ein Jointventure mit der Firma Case New Holland, die auch zum Fiat-Konzern angehört.

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