Innenpolitik

Der ideologische Hintergrund

Die Pläne, an der Stelle des Gezi-Parks am Taksim-Platz die Topçu-Kaserne wieder aufzubauen, haben einen ideologischen Hintergrund. Die Kaserne, die zur Zeit vom Sultan Abdulahmit, I. im Jahre 1780 gebaut worden war, war 1940 vom sozialdemokratischen OB von Istanbul abgerissen worden. Während der bürgerlichen Revolution der Jungtürken im Jahre 1908 hatte er den reaktionären Kräften als Hauptquartier gedient. Obwohl die rekonstruierte Kaserne Platz für ein Einkaufszentrum und Luxuswohnungen bieten soll, begründete Regierungschef Erdoğan die Entscheidung mit „Geschichtspflege“.

Nebenbei bemerkt reicht für ihn die Geschichte lediglich bis ins Jahr 1453 zurück, in dem Istanbul vom Sultan Mehmet, II. erobert wurde. In seiner Amtszeit als OB von Istanbul kümmerte er sich nicht darum, wie die historischen Stadtmauern aus dem 5. Jahrhundert verfallen. Anfang des Jahres beklagte er sich über die Denkmalschutzgesetze, die eine Modernisierung der Stadt behindern würden. Denn die Bauarbeiten für den Tunnel Marmaray, der Asien mit Europa verbinden wird, mussten unterbrochen werden, weil man dabei auf 8.000 Jahre alte archäologische Schätze gestoßen war. Für Erdoğan waren allerdings die gefundenen Tontöpfe lediglich „altes Gerümpel“.

Seine „Liebe zur Geschichte und zu den osmanischen Wurzeln“ der Republik musste auch bei anderen Milliarden schweren Projekten als Grund herhalten. So wurde bei der Grundsteinlegung der dritten Brücken über den Bosporus am zweiten Tag der Proteste verkündet, die Brücke werde nach dem Sultan Yavuz Selim benannt. Anfang des 16. Jahrhunderts hatte Selim bei seinen Eroberungszügen im Osten das Territorium des Osmanischen Reiches verdreifacht und dabei Zehntausende Aleviten niedergemetzelt. Es war auch Selim, der das Kalifat nach Istanbul holte und damit das Osmanische Reich zum „Führer der islamischen Welt“ machte.

Das Kalifat wurde ein halbes Jahr nach der Gründung der Republik Türkei im März 1924 offiziell abgeschafft. Erdoğan seine AKP nehmen jetzt mit dieser und einer Reihe von ähnlichen Entscheidungen Rache für die von islamistischen Kreisen als Niederlage des Islam wahrgenommenen Gründung der Republik.

Und die ist Türkei ein Land, das seine bürgerlich-demokratische Revolution seinerzeit nicht ganz durchgeführt hat. Die letzten Jahrzehnte waren Jahrzehnte einer sehr intensiven und teils radikalen Liberalisierung der Wirtschaft. Dabei wurde aus diversen Gründen der Aufbau eines Überbaus, der diesem liberalisierten Unterbau entsprach, sehr vernachlässigt. Daher wehrt sich die Gesellschaft heute dagegen, dass der gesellschaftliche Überbau, also Bildungswesen, Recht und Kultur immer reaktionär werdende Züge bekommt.

Advertisements

Diskussionen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: