Soziale Bewegungen

„Konservative Kunst“ und Kriegserklärung

von Nuray Sancar

In ihrer 10jährigen Regierungszeit hat die AKP, die sich als ein konservativ-demokratische Partei bezeichnet, die Privatisierung von öffentlichen Einrichtungen und Betrieben mit großen Schritten realisiert. Angefangen Ob im Bildungs- oder beim Gesundheitswesen, in allen Bereichen fanden im letzten Jahrzehnt gravierende Veränderungen statt. Den Abschluss dieser Transformationen und Veränderungen bildet die Privatisierung der bisher vom Staat oder den Kommunen finanzierten Theater.  Die an die Kreisstadt Istanbul gebundenen Theater in den Bezirken der Stadt, die bisher von den Leitungen der Schauspielhäuser selbst verwaltet wurden, sind seit kurzem von den Privatisierungsplänen der AKP-Regierung ebenfalls betroffen. Es wird erwartet, dass bei der nächsten Privatisierungswelle die staatlichen Theater, die Staatsoper und das Staatsballettunter den Hammer kommen werden.

Das Zeichen dieser Entwicklung wurde vor drei Jahren von einigen Kolumnisten der  regierungsnahen Zeitungen gegeben. Sie übten heftige Kritik am Repertoire der Städtischen Bühnen. So wurde das Plakat zum Stück „Autobus“ von Arif Akkaya, oder das Stück „Alltägliche obszöne Geheimnisse“ von Fikret Urag als unsittlich bezeichnet und verurteilt. Das unter der Regie von Orhan Alkaya aufgeführte Stück „Die Rosenbergs dürfen nicht sterben“ von Alain Decaux wurde zuerst von Seiten dieser Zeitungen kritisiert, da es Lobpreisungen für zwei schuldig gesprochene Agenten enthalten würde. Schließlich wurde das Stück wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen abgesetzt. Die von den erwähnten Kritikern favorisierte Alternative  war das Entwickeln eines Konzeptes für „konservative Kunstformen“.

Ihr Wortführer ist der Kolumnist Iskender Pala, der im vergangenen April in der Zeitung „Zaman“ das „Manifest der Konservativen Kunst“ veröffentlichte. Darin erläuterte er in 20 Thesen, dass die Aufgabe der Kunst darin liege, die mit der modernen Kunst zurückgedrängte eigene Identität einer Gesellschaft wieder ans Tageslicht zu führen. Dabei müsse sie sich auf die eigenen Traditionen und Werte zurückbesinnen. Und der Staat dürfe nicht als Financier, sondern müsse als Sponsor auftreten.

Der von ihm losgetretenen Debatte ging die Forderung des Sekretärs des Staatspräsidenten Abdullah Gül, Mustafa Isen voran, eine Kunstschule zu gründen, welche die Synthese des Traditionellen und des Modernen schaffen sollte.

Diesen Wandlungsprozess des öffentlichen Theaters, unterstützte Ministerpräsident Erdogan mit abwertenden Äußerungen über die Theaterspieler. Er unterstellte ihnen ein vom Volk entfremdetes parasitäres Dasein. Er teilte mit: „Ab jetzt werden wir die Bühnen nicht mehr unterstützen, bleibt ihr mal auf den Bühnen, bringt eure Stücke auf den Markt, stellt uns eure Projekte vor, wenn wir Gefallen an ihnen finden, werden wir dafür sorgen, dass sie aufgeführt werden“. Diese Aussage bedeutet, dass die Schauspieler der Theater auf eine ungesicherte Weise den Marktmechanismen ausgesetzt werden.

Exakt zu diesem Zeitpunkt, an dem der  Ministerpräsident diese Äußerungen verlauten ließ, wurden regimetreue Gemeindebürokraten in den Verwaltungen der Städtischen Bühnen von Istanbul eingesetzt. Diese Transformation beinhaltet sowohl finanzielle als auch kulturelle Veränderungen. Die Regierung sieht die bisher geleisteten Unterstützungen für die Kunst als eine Last an. Beginnend mit den Theatern sollen aus diesem Grund alle öffentlichen künstlerischen Einrichtungen privatisiert werden und somit den Marktbestimmungen folgen. Um diesem Vorhaben einen sicheren Boden zu verleihen, wird behauptet, dass in den städtischen Theatern vorrangig unethische, das Schamgefühl des Volkes verletzende, oppositionelle  Stücke aufgeführt und konservative Schriftsteller und Regisseure ausgeschlossen würden.

Der ideologische Inhalt für diese Entwicklung wird seit zehn Jahren vorbeireitet. Das auf Religiosität aufbauende konservative Gedankengut wurde in den unzähligen, sich hauptsächlich in Großstädten befindenden und von den lokalen Regierungen finanzierten Kulturzentren ohnehin schon verbreitet. Nun werden die Künstler auch noch zu Projektbezogenem Arbeiten gezwungen und somit zur Produktion von Werken genötigt, die der konservativen Weltanschauung dienlich sind.

Kürzlich hat die Regierung eine Bildungsreform in die politische Tagesordnung eingebracht. Diese Reform sieht eine Aufteilung des Schulbesuchs in drei Vierjahresabschnitte vor und wird deshalb als 4+4+4-System bezeichnet. Der diesem System zugrunde liegende Gedanke ist eine Lockerung der achtjährigen Schulpflicht zu Grunde. Ferner wird den Religionsschulen die Möglichkeit eröffnet, die vor anderthalb Jahrzehnten geschlossenen Mittelstufen wieder eröffnen zu können. Ministerpräsident Erdogan begründete diese „Reform“mit der Aussage „ religiöse Nachkommen aufziehen zu wollen“. Die Gewerkschaften und die Öffentlichkeit kritisieren sie dahingehend, dass hierdurch letztendlich Jugendliche nach einem vierjährigen Grundschulbesuch als junge Arbeitskräfte der Industrie zugeführt sowie die frühe Heirat junger Mädchen gefördert würden. Führt man sich die Gesetzgebung der sozialen Sicherungssysteme und der sozialen Politik im Allgemeinen vor Augen, erscheint diese Kritik mehr als gerechtfertigt.

Die Realisierung konservativer Vorstellungen erstreckt sich  von den Bildungs- bis hin zu Kulturinstitutionen. Infolge dessen kann man sagen, dass die Rückkehr zum finsteren Mittelalter durch diese Entwicklung forciert wird. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in der Türkei besteht aus Moslems und die Regierung betreibt seit zehn Jahren eine ideologische Propaganda, die die religiösen Gefühle anspricht und stärkt und Herstellung von jeglichen religiösen Bezügen zu legitimieren versucht.

Die Angriffe auf die städtischen Theater wurden von den Schauspielern vehement erwidert. Unterstützung erfuhren sie auch von der Öffentlichkeit. Vor der Muhsin-Ertugrul-Bühne unternahmen sie einen Sitzstreik, der bis zum Morgen andauerte… Am 16. Juni führten sie unter dem Motto „Das nicht endende Schauspiel“ eine Performance durch, bei der in Parks und auf Straßen von Istanbul tagelang und ohne Unterbrechung Spiele aufgeführt wurden.

Der Wandlungsprozess der Theater ist noch nicht vollendet. Die Vollendung wird davon abhängen, welche Wirkung der Widerstand der Theaterschauspieler zeitigen wird. Aber auch der öffentliche Druck wird seinen Ausgang mitbestimmen. Man kann sagen, dass die Bühnen ein heißer Sommer erwartet. Jedoch wird diese Periode auch für die Regierung nicht leicht sein. Der aggressive Stil als auch die beleidigenden Worte des Ministerpräsidenten haben seit geraumer Zeit zum Bruch zwischen den Künstlern und dem Ministerpräsidenten geführt. Aus der Sicht der AKP-Regierung und des Ministerpräsidenten Erdogan, der nach seinem Wahlsieg im Juni 2011 in seiner berühmten „Balkon-Rede“ versprach, der Ministerpräsident aller sein zu wollen, kommt dieser Schritt dem Stechen in ein Wespennest gleich. Es sieht so aus, als würde die Türkei diesen Sommer einen Kampf um die Kunst erleben.

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